Anderstalk – Magier erzählt: Mein Leben mit Mobbing und Autismus

Sei(d) gegrüßt! 🖖 Ich bin der „Magier” 🧙‍♂️.

Ich vermute bei mir seit knapp einem Jahr Autismus bzw. eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS), zudem habe ich eine lange Zeit mit Mobbing in der Schule zu tun gehabt und bin sehr wahrscheinlich asexuell 🌈.

Ach, und ich interessiere mich unter anderem für Astronomie und Schleimpilze! Meine Lieblingsfilme sollten nicht so schwer zu erraten sein – Kleiner Tipp ⏬ 😀

In diesem Artikel werde ich ein paar vordefinierte Fragen❓, die zur Orientierung dienen, beantworten und mich und mein bisheriges Leben ❤, mein(e) Anders etwas beschreiben:

Wann habe ich nun das erste Mal gemerkt, dass ich anders bin?

Ich denke, das erste Mal, wo ich wirklich gemerkt und realisiert habe, dass ich anders als andere bin, fängt mit der weiterführenden Schule an. Davor merkte ich zwar auch schon ein gewisses anders bzw. nicht richtig dazu gehörig sein, aber es hat mich nie so sehr tangiert wie in der weiterführenden Schule.

Als ich dann mit viel Unterstützung, seitens meiner Eltern, in die 5. Klasse einer Gesamtschule kam (damals war ich ungefähr 10 Jahre alt), war für mich der Beginn alles andere als leicht. Hier merkte ich, ich bin anders, nicht wie anders, sondern einfach nur ich bin anders, anders als meine Klassenkamerad*innen, anders als die meisten auf dem Schulhof!

Lange Zeit sah ich dieses Anders in mir begründet, weshalb ich auf der einen Seite versuchte, es irgendwie loszuwerden und auf der anderen Seite versuchte, trotzdem nach außen hin zufrieden und glücklich zu wirken, da ich meiner Familie unbedingt zeigen wollte, dass alles gut läuft, obwohl dem nicht so war.

Meine Mutter meinte, dass die Lehrer von der Förderschule mich damals unbedingt auf eine „Sprachbehindertenschule“ schicken wollten, weil ich unter anderem sprachlich, trotz jahrelanger Logopädie, immer noch ziemliche Schwierigkeiten hatte. Meine Eltern setzten sich aber dafür ein, dass Ich wie meine Schwester auf eine „normale” Schule komme, zum einen meinte meine Mutter, dass ich es selber unbedingt wollte und zum anderen hielten sie daran fest, dass ich ein sehr intelligenter Mensch bin und so später nicht zusätzlich eingeschränkt wäre.

Für diese Entscheidung und ihren Einsatz, dass ich überhaupt die Chance hatte, auf eine Gesamtschule zu kommen, bin ich trotz meiner darauffolgenden, zumeist negativen Erfahrungen, sehr dankbar. Ich weiß nicht, wie mein Leben sonst verlaufen wäre oder wer ich jetzt wäre, aber ich bin froh, dass es so kam.

Mein Vater vertraute auch darauf, dass meine Sprachschwierigkeiten sich mit der Zeit legen werden, denn alles braucht so seine Zeit, meinte er. Und er hatte sogar damit recht. Meine Eltern haben mich unterstützt und unterstützen mich immer noch sehr 🙂.

An dieser Stelle ein ❤ für meine Eltern!

Zu Beginn auf der neuen Schule war alles für mich Neuland, so wie für Jeden anderen schätze ich mal auch. Ich kannte niemanden und wie bereits erwähnt, kam ich von einer Förderschule, die recht weit weg war, was mir das Freunde finden vermutlich zusätzlich erschwert hatte.

Aus heutiger Sicht gab es vermutlich viele Gründe, wieso ich nicht wie alle anderen so einfach akzeptiert bzw. integriert und behandelt wurde (vor allem in Bezug auf Mobbing). Später, als ich die Schule wegen einem Umzug gewechselt habe, kam es zu einer ähnlichen prekären Mobbing-Entwicklung. Ich merkte, es lag also nicht an den Menschen, wie ich zuvor glaubte, sondern es lag wie anfangs vermutet doch irgendwie an mir. Auf der ersten Schule wurde Ich vor allem viel von Mädchen gemobbt, mir wurde also z.B. die Brille geklaut, Beinchen gestellt, Sportschuhe versteckt, Schulsachen zerstört, ich wurde geschubst etc. Auf der zweiten Schule waren es dann doch mehr die Jungs, aber auch weniger intensiv. Und mit der Zeit „mutierte” das Mobbing auch dort in Koexistenz bzw. Nebenher leben / Nichtbeachtung.

Ansonsten habe ich mich so in Erinnerung, dass ich in den frühen Jahren viel alleine mit meinem Pausenbrot auf einer Bank verbracht habe und die anderen bei ihrem Tun beobachtet habe. Mit der Zeit besserte sich jedoch meine Kontaktaufnahme. Eine Lösung für mein Anders hatte ich die ganzen Jahre über jedoch nicht gefunden, ich merkte nur, dass ich anders sein muss.

Was habe ich also gemacht, als ich gemerkt habe, dass ich anders bin?

Damals war ich noch recht klein und hatte noch nicht so viel Selbstbewusstsein wie heute. Ich habe mich damals nie richtig zu meinen Eltern oder anderen Erwachsenen geäußert, zu Gleichaltrigen erst recht nicht. Ich war damals irgendwie lieber für mich, was ich mehrheitlich auch heute noch bin. Ich wollte damals auch nicht unbedingt wahrhaben, dass ich anders sein könnte, weil wir ja alle äußerlich zumindest mehr oder weniger dieselben sind und nur marginale Unterschiede aufweisen. Für mich war das alles irgendwie Paradox.

In dieser Zeit habe ich mir jedoch sehr viele Gedanken gemacht (Wer oder was bin ich? Wieso sitze nur ich alleine auf der Bank? Worin unterscheide ich mich? Wieso hassen mich besonders Mädchen? Warum Ich und nicht der Junge XY? etc.), was aus heutiger Sicht teilweise zu absurden und kuriosen Theorien führte, die mich selber und mein Menschsein sowie das der Anderen massiv infrage gestellt haben. Mein Kinderhirn war damals schon äußerst kreativ und ideenreich, aber eine Lösung brachte es eigentlich nicht; es waren Hirngespinste, die mich beschäftigten.

Hätte ich meinen Eltern früher davon erzählt, wäre ich bestimmt für verrückt erklärt worden, also blieben die Gedanken lieber bei mir; generell habe ich mehr für mich gedacht, da ich mich von den meisten eh nicht verstanden gefühlt habe. Das Verständnis entwickelte sich erst mit der Zeit, als ich merkte, dass es auch andere Außenseiter / Gemobbte wie mich gab, die jedoch vorwiegend aus anderen, sichtbaren Gründen ausgegrenzt wurden, z.B. wegen ihrer Hautfarbe, ihrem Gewicht, ihrer physischen Defizite (bspw. Gehbehinderung) etc.

Davor fühlte ich mich metaphorisch wie ein „Elefant” 🐘 in einem Giraffengehege, wo alle anderen „Giraffen” 🦒 darstellten. Erst mit der Zeit entwickelte sich daraus die Erkenntnis, dass es sich um einen „Zoo” handelt und nicht nur um ein einziges Gehege, wo eine Sorte von „Tieren” existiert.

Aus heutiger Sicht war vermutlich mein größtes Defizit meine Sprache 💬, was man heute, wenn man mit mir redet, vielleicht sogar kaum noch glauben kann. Nur in extremen Stresssituationen verfalle ich teilweise wieder in mein altes Schema und meine – wie es mein Vater nennt – „Ausstrahlung” auf andere ist und war vermutlich auch ein großes Problem.

Ich lernte also schon damals, mich an (für mich) „Fremdbedingungen” anzupassen, mein Verhalten über die Situation immer wieder und wieder zu überdenken und bei einer ähnlichen Situation anders zu agieren. Ich lernte außerdem, dass ich mit älteren Leuten meistens besser klarkam. Später glich es sich dann aus und ich baute langsam Kontakt zu anderen gleichaltrigen Außenseitern auf. Aber am Anfang war ich eher mit den Lehrern in Kontakt, weshalb ich ab und zu auch als „Lehrerliebling” oder „Schleimer” betitelt wurde.

Seit wann lebe ich nun mein Anderssein?

Die voraussichtliche Antwort auf mein anders sein besteht seit rund einem Jahr und ich würde sagen, seitdem lebe ich mein Anderssein auch etwas. Davor vielleicht auch, aber da war es mir zumindest nicht bewusst.

Es hat sich reinzufällig während der Corona-Pandemie ergeben und sich dadurch zum Teil etabliert, als meine Schwester mich mit einer Serie konfrontierte, in der sie mich in vielerlei Hinsicht wieder erkannte, was irgendwie erschreckend war. Ich schaute mir die Serie ebenfalls an und musste ihr ausnahmsweise mal recht geben, seither informiere ich mich darüber und bin auf einem „Was weiß ich noch nicht über mich” Kurs und versuche langsam, mich mehr und mehr aufgrund dieser Thematik zu verstehen und mit meinen Problemen besser zu leben, geschweige es erstmal anzuerkennen.

Seit diesem Tage an öffnete ich mich mehr und mehr meiner Familie, besonders meiner Mutter, und erzählte ihnen von meinem Verdacht, von meinen damaligen und jetzigen Problemen, die teilweise immer noch bestehen.

Meine Eltern schauten sich die Serie auch an und mussten an einigen Stellen sogar selber lachen, weil sie mich da auch ab und zu wiedererkannt haben. Meine Mutter kommt damit klar, sie äußerte sich auch darüber und meinte schon immer, dass ich etwas anders war als meine Geschwister. Mein Vater steht dem manchmal noch zweiflerisch gegenüber, zumindest denke ich das und meine Schwester ist bereits davon überzeugt.

Meine Schwester und meine Mutter hätten mich an meiner – ich bezeichne es mal „Haut-Aversion” 🖐 – erkannt. Meine Mutter realisierte das schon recht früh, dass ich Umarmungen oder generell Körperkontakt etc. als nicht so angenehm empfinde und daher vermeide; ergo meine Mutter wusste schon früher als ich davon Bescheid, dass ich anders bin, weil sie mich immer wieder mit meinen Geschwistern verglichen hatte. Sie sagte es mir jedoch auch nie; ihr war es anscheinend nie wichtig genug. Sie dachte bestimmt, dass ich auch so damit klarkomme. Über Umarmungen hatte ich mir aber auch davor nie richtig Gedanken gemacht, es war für mich ein Defactum, eine Tatsache, dass ich niemandem oder nur in seltenen Fällen Leuten die Hände reiche oder sie umarme. Ohne es wirklich zu merken, passte sich meine Familie meinem Zustand etwas an, denke ich zumindest. Es etablierte sich einfach.

Mein Anderssein lebe ich also erst seit ungefähr einem Jahr, wenn nicht weniger, und ich versuche mich noch dahingehend weiter zu entfalten, zu verstehen. Auch wenn es nicht einfach ist, zu erkennen, dass das Problem doch an einem selbst liegen könnte und nicht bei den anderen und zu verstehen, dass alle anderen in einem schon immer etwas anderes gesehen haben als man selbst.

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr habe ich verstanden, wie ich besser mit den Problemen im Alltag umgehen kann; davor waren es eher mühselige „Überlebensstrategien”. Aber als ich andere kennengelernt habe mit ähnlichen oder den gleichen Problemen und teilweise besseren Strategien, fühlte ich mich das erste Mal verstanden und einfach freier. Ich trat auch das erste Mal einer Selbsthilfegruppe bei und lernte auch das erste Mal andere mit anderen psychischen Erkrankungen / Defiziten kennen.

Ich zweifle zwar immer wieder an diesem anders sein, weil ich zum einen mich auf meine eigene Intuition beschränke und zum anderem immer denke, dass ich evtl. etwas übersehe oder es einfach nicht wahrhaben möchte.

Ich habe derweil noch keine Diagnose oder sonst fachliche Einschätzung, außer von meinem Hausarzt 👨‍⚕️, aber da weiß ich auch nicht, ob ich seinem Urteil trauen sollte, auch wenn er seiner Aussage nach selbst mit dem Asperger-Syndrom (AS) diagnostiziert ist.

Dieses immer wieder hinterfragen und nachgrübeln 🤔 ist denke ich mal auch normal. Durch die Pandemie hat sich (leider) so viel verändert. Ich wurde teilweise aus meinem „dynamischem Gleichgewicht” gestoßen und habe das Gefühl gehabt, als hätten sich meine Probleme nicht wie erhofft von selbst gelöst, sondern vermehrt oder wie ein Tumor metastasiert. Aber ich dachte mir, ich nutze diese Gelegenheit, um mich auch etwas zu ändern und meinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Ich trage nun z.B. Klamotten, die ich mag und die nicht meine Mutter für mich aussucht. Die Pandemie hat zwar viel Negatives mit sich gebracht, aber das war ein für mich sehr bedeutender, positiver Nebeneffekt.

Dies war ein kleiner Einblick in mein bisher erlebtes Anders. 🙂


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