AndersTalk – Jason erzählt: Mein Leben mit ADHS und Cosplay

Moin Ihr Lieben, ich bin Jason, 22 Jahre alt und lebe in Hamburg.

Wann habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich anders bin?

Es war schon relativ früh, das erste Mal habe ich es mit 6 Jahren gemerkt. Irgendwie habe ich immer zu schnell zugeschlagen und Wutanfälle bekommen. Als ich dann mein ADHS diagnostiziert bekommen habe, stellte sich heraus, dass das mit der Gewalt zusammenhängt. Ich musste allerdings nun erstmal lernen, damit klarzukommen. Ich habe mich allerdings jeden Befehlen widersetzt und gegen jedes System rebelliert. Ich bin auch schon immer extrem allergisch gegen Autoritäten.

Was habe ich also gemacht, als ich gemerkt habe, dass ich anders bin?

Als mein ADHS diagnostiziert wurde, bin ich aus Bremen nach Mainz gezogen. Ich war zu dem Zeitpunkt 10 Jahre alt. Genau dann hat mein ADHS richtig losgelegt: Ein neuer Ort, neue Leute, neues Klima, alles neu für mich. In Rheinland-Pfalz ist es ganz anders als im Norden. Besonders gut fand ich dort den Fasching. Daher habe ich auch meine Faszination für Cosplay und Verkleidungen. Ich habe gemerkt, dass ich mehr Süßigkeiten bekomme, wenn ich mich besser verkleide, und auch mein Opa war ein großes Vorbild für mich, weil er sich immer so gut als Obelix verkleidet hat.

Irgendwann habe ich angefangen, Karate und weitere Kampfsportarten zu machen. Damit wollte ich mich auspowern und Selbstbeherrschung bekommen. Denn beim Karate bekommt man ja relativ häufig einen auf die Nase. Wenn abfällige Sprüche kamen, schaffte ich es erstmal durch mein Karatetraining noch, mich zusammenzureißen. Wenn es allerdings mehr und auch körperlich wurde, wusste ich mich selbst zu verteidigen, was dann aber auch wieder zu Wutausbrüchen geführt hat, wodurch dann wieder Medikamente eingesetzt werden mussten. Ich hatte ein gewisses Übermachtsgefühl durch meine Stärke, manchmal gingen nämlich nicht nur 3 oder 4, sondern auch 12 Leute auf mich los; da musste ich auch lernen, mich dagegen zu verteidigen. Meine Mutter hat immer versucht, mein ADHS mit Medikamenten zu lösen. Ich wollte das erst nicht, habe aber dann schnell gemerkt, dass es wirklich geholfen hat. Ich wurde ruhiger und konzentrierter. Auch meine Noten in der Schule wurden besser.

Ein Psychologe sagte einst zu mir: „Mit 136er IQ durch einen Intelligenztest bist Du sehr intelligent, aber mit Medikamenten werde ich Dich nicht testen, ansonsten werde ich depressiv.“

Meine Coping-Strategie, um mit meinem ADHS klarzukommen, war vor allem Musik. Ich habe sogar Klarinette im Schulorchester gespielt. Dort kam ich gut mit den Leuten klar, denn ich wurde angenommen, wie ich war. Ich bin teilweise heute noch mit ihnen in Kontakt.

Leider musste ich jedes zweite Wochenende zu meinem Erzeuger, der mich in der Jugend geschlagen hat. Dies lag daran, dass er das Umgangsrecht hatte. Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihm, zumal er auch meine Mutter des Öfteren schlug.

Seit wann lebe ich nun mein Anderssein?

Eigentlich schon immer, habe es aber erst seit kurzem im Griff. Heute bin ich froh, was ich trotz der ganzen Erfahrungen aus mir gemacht habe. Ich lebe ganz angenehm, auch wenn ich mir meiner Probleme bewusst bin. Ich beschäftige mich täglich mit verschiedensten Themen. Ich kann auch seit kurzem meine Energie katalysieren, und sage mir “Fuck off“, wenn jemand Stress macht. Ich habe mich von meiner Familie abgekapselt, was mir sehr guttut, denn so werden mir meine Fehler nicht andauernd vorgeworfen und ich kann mich selbst darum kümmern. Wenn ich nämlich die ganze Zeit gesagt bekomme, ich mache dies und jenes “Scheiße”, dann kann ich es auch nicht besser machen.

Ich habe meine Energie sehr viel in die Ausbildung zum Elektriker gesetzt. Dies tat ich zu Ehren meines Opas, der leider an Krebs verstarb. Das schöne ist, dass ich zu seinen Lebzeiten schon damit angefangen habe, sodass er das noch miterleben durfte. Doch irgendwann war auch das nicht mehr das Richtige für mich, denn ich hatte Schwierigkeiten, eine Festanstellung zu bekommen. Ich wechselte schließlich ins Schmiedehandwerk und stellte Schwerter für Cosplays, Life-Action-Role-Play her. Das ist bis heute ein großes Interesse von mir.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen:

Man sollte sich niemals von seiner Einschränkung in jeglicher Weise beeinträchtigen lassen und sich dafür auch nicht schlecht fühlen. Man sollte lernen, damit zu leben und sie für richtige Zwecke einzusetzen; so wie ich angefangen habe, bei Anders? = Anders! Menschen zu helfen, denen es schlechter geht.


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