AndersTalk – Thorsten erzählt: Mein Leben mit Vielfalt – wie ich Überlebenskünstler wurde

Hallo, mein Name ist Thorsten Lampe und ich bin 45 Jahre alt. Die ersten zehn Jahre wuchs ich bei meinen biologischen Eltern auf. Ich habe drei Geschwister und einen weiteren Bruder aus einer Pflegefamilie.

Wann habe ich also das erste Mal gemerkt, dass ich anders bin?

Ich habe früher schon gemeinsam mit meiner kleinen Schwester mit Barbie-Puppen gespielt. Als ich „Vater-Mutter-Kind“ mit meinem Bruder und meiner Schwester gespielt habe, war ich die Mutter. Das Lustige dabei war, dass meine Schwester damals immer den Vater spielte und sich später herausstellte, dass sie lesbisch ist. Ich hatte sehr wenig Interesse für „Jungs-Sachen“ wie Autos oder Fußball, höchstens Lego und Playmobil fand ich interessant. Dabei hatte ich schon besonders viel auf Jungs geachtet. Das erste Mal war ich 7 Jahre alt, als ich mich in einen Jungen verliebte. Ich bin zudem froh darüber, immer eine beste Freundin an meiner Seite zu haben, denn so kann und konnte ich mich mit ihr problemlos über Jungs austauschen.

Meine biologischen Eltern hatten große Probleme mit Drogen und Alkohol. Sie haben uns Kinder total vernachlässigt und unter all dem Chaos ist mein Anderssein bei ihnen gar nicht aufgefallen. Zudem war auch Gewalt ein großes Problem in unserer Familie.

Was habe ich gemacht, als ich gemerkt habe, dass ich anders bin?

Ich persönlich habe erst einmal gar nicht viel gemacht, doch als ich mit 11 Jahren in eine Pflegefamilie kam, ist mein Anderssein aufgefallen. Dazu gibt es eine kleine Geschichte mit einer Lehrerin von mir:

Meine Lehrerin hat mir die Fingernägel rosa und pink lackiert. Als ich dann nach Hause kam, ist mein Vater ausgerastet und hat mich am Kragen gepackt. Wir sind zur Schule gefahren und er schrie meine Lehrerin an: „Wenn der Junge schwul wird, ist das Ihre Schuld“. Sie antwortete daraufhin: „Entweder ist er schwul oder nicht, aber er wird es nicht“. Ich war sehr stolz auf meine Lehrerin, da sie meinem Pflegevater deutlich gemacht hat, dass man so geboren wird und nichts für die eigene Sexualität kann. Aus diesem Grund habe ich heutzutage immer noch Kontakt zu dieser Lehrerin; sie unterstützt unter anderem das Projekt der Regenbogenflagge in Walsrode und möchte auch an dem Event teilnehmen.

In meiner Pflegefamilie kam ich gut mit meinem neuen Bruder zurecht. Mit ihm machte ich sogar Urlaub zusammen. Die Eltern hingegen waren sehr streng: Wie bereits an der Reaktion meines Pflegevaters deutlich wurde, hatte er etwas gegen Homosexuelle und meine Pflegemutter hat sich auch nicht wirklich für mich eingesetzt, sondern sich stark zurückgehalten.

Seit wann lebe ich nun mein Anderssein?

Mit 20 Jahren habe ich meine Ausbildung zum Koch am Timmendorfer Strand begonnen. Seitdem habe ich auch keinen Kontakt mehr zu meinen Pflegeeltern und sehr wenig Kontakt zu meinen Geschwistern. Ich zog in das Internat der Ausbildungsstätte. Dort gab es ein breitgefächertes Angebot an Aktivitäten, wie zum Beispiel der Theatergruppe, an der ich teilgenommen habe. Dabei gab es ein Projekt, bei dem sich alle Männer als Frauen und alle Frauen als Männer verkleiden sollten. Stellt Euch vor: Ich war der einzige, der mitgemacht hat. Daraufhin kam auch die Schülerzeitung auf mich zu und ich nahm meinen Mut zusammen und outete mich schließlich bei ihnen als schwul. Jetzt war es raus. Endlich musste ich mich nicht mehr verstecken, dachte ich. Doch die Reaktionen, die ich bekam, waren alles andere als schön, genauer gesagt fing der Alptraum gerade erst richtig an. Alle Jugendlichen aus dem Internats haben mich gemobbt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und fühlte mich im Stich gelassen. Das ganze Internat schien gegen mich zu sein, obwohl ich nur ich selbst sein wollte. Nach Hause konnte ich auch nicht mehr gehen, weil meine Eltern ebenfalls von meinem Outing gehört haben und ich mir sicher war, dass sie mich verstoßen würden. Ich wusste nicht mehr weiter und habe aus Verzweiflung dreimal versucht, Suizid zu begehen. Ich erkannte, dass das keine Lösung ist und begab mich daraufhin in Therapie. Mit 24 Jahren zog ich schließlich nach Hamburg. Dort habe ich viel meditiert und mich mit dem Thema Buddhismus beschäftigt. Nach der schweren Zeit brauchte ich etwas, das mir wieder Kraft gibt. Der Buddhismus und das viele Meditieren haben mir sehr geholfen und ich konnte wieder neue Kraft und Energie daraus schöpfen. Ich besuchte dann auch meinen ersten CSD in Hamburg. Damals war ich noch als Thorsten unterwegs. Kurze Zeit später fand der berliner CSD statt. Ich habe mich viel mit dem Thema Drag beschäftigt und erfand die Kunstfigur “Jack Turner”. Da Tina Turner mein großes Idol ist, habe ich damals diesen Namen gewählt. Als “Jack Turner” konnte ich beim berliner CSD sogar auf einem Wagen mitfahren; das war ein großartiges Erlebnis.

Wie ist also die Kunstfigur “Miss Ginger” entstanden?

Als ich 30 Jahre alt war, überlegten ein Freund und ich gemeinsam in einer Bar, was ein passender Name für eine Kunstfigur sein könnte. Uns fiel nichts ein und auch nach langen Überlegungen hatten wir einfach keine gute Idee. Als ich dann aber Ginger Ale bestellte, leuchtete uns ein: Miss Ginger, das wäre doch eine Idee. Und so kam es dazu, dass bis heute Miss Ginger auf unterschiedlichen CSDs unterwegs ist.

Seit 2019 leite ich nun sogar ein Vielfaltsprojekt in Walsrode. Das ist eine Stadt in Niedersachsen mit gerade einmal 35.000 Einwohnern. Am 31. Mai 2022 werde ich hier in Walsrode die Regenbogenflagge als Zeichen der Vielfalt hissen. Ich wurde sogar gefragt, ob ich sie als Thorsten oder als Miss Ginger hissen möchte. Ich werde sie auf jeden Fall als Miss Ginger hissen, das steht fest. Als ich bekanntmachte, dass ich die Flagge hissen werde, wurde die Presse darauf aufmerksam. Es gab Zeitungsberichte darüber und mit diesen kam auch ganz viel Hass dazu. Ich erkannte, wie viel Intoleranz es in meiner Heimat Walsrode gab und darum war es umso wichtiger, dieses Projekt hier durchzuziehen. Walsrode sollte für Akzeptanz und Vielfalt stehen; dafür kämpfe ich!

Zurzeit bin ich fast zur Hälfte in Walsrode und ansonsten in Berlin, möchte aber irgendwann komplett nach Walsrode zurückkehren, da mir diese Stadt und das Projekt sehr am Herzen liegt.

Die Kunstfigur „Miss Ginger“ ist wie eine Rolle im Theater; ich kann mit ihr einfach andere Facetten ausleben. Wenn ich Thorsten bin, bin ich dennoch ein lebensfroher Mensch. Mir persönlich ist es besonders wichtig, an politischen Aktionen teilzunehmen: Es gab zum Beispiel vor ein paar Jahren eine Aids-Benefiz-Gala. Zudem besuche ich Schulen und kläre über das Thema Mobbing und mein Projekt auf. Da ich selbst viele Erfahrungen mit dem Thema gemacht habe, liegt es mir sehr am Herzen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Mein Ziel ist es, noch weitere Schulen zu besuchen und Toleranz und Akzeptanz zu schaffen. Lasst uns die Welt zu einem bunteren Ort mit großer Vielfalt machen. Dafür setze ich mich ein und dafür kämpfe ich!


2 thoughts on “AndersTalk – Thorsten erzählt: Mein Leben mit Vielfalt – wie ich Überlebenskünstler wurde

  1. Eine sehr schöne Lebensgeschichte. Super mutig mein lieber lebensfrohe Torsten Lampe. Grüß mir die ebenfalls lebensfrohe Fräulein “Miss Ginger”…
    Qaponi, Fotograf aus Berlin

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