Zwei Autisten unter sich. Eine Art Interview.

ky: Was würdest Du sagen, wenn ich Dich fragte, wie Du die Welt siehst?

A.M.: Durch meine Augen.

ky: Okay, klar. Aber hat Dir gegenüber jemand schon einmal geäußert, dass Du merkwürdig bist oder Dich seltsam verhältst?

A.M.:  Ja, ein guter Freund hat mal gesagt: Du denkst nicht außerhalb der Box, sondern Du denkst außerhalb der Kartonfabrik.

ky: Hast Du eine Ahnung, was er damit meinte?

A.M.:  Es gibt Dinge, die sind für mich komplett schlüssig, aber Personen von außen können die Verbindung, die ich im Kopf habe, nicht nachvollziehen.

ky: Kannst Du das genauer benennen? Hast Du ein Beispiel?

A.M.:  Zum Beispiel – mein Chef will, dass ich in die Soundso-Straße fahre. Ich schaue ihn an wie eine Kuh, wenn’s donnert. Ich habe keine Ahnung, wo das sein soll (auch wenn ich da schon tausendmal vorbeigekommen sein sollte). Dann zeigt er mir nur kurz den Ausschnitt auf der Karte und schon weiß ich ganz genau, wo das ist und wie ich dahinkomme, egal von wo.

ky: Hättest Du Dich selbst als Autisten bezeichnet, nachdem Du Filme gesehen hast, in denen es um Autisten ging (Rainman, Das Pferd auf dem Balkon)?

A.M.: Nein. Damit habe ich mich nicht identifiziert. Ich habe schnell gelernt, dass zum Beispiel Abweichungen vom Plan das Normalste der Welt sind und dies dazu gehört. Davon geht die Welt nicht unter. Was ich aber schon hatte, war, dass ich als Kind immer unglaublich nervig war, aber ich habe viel dazu gelernt. Wer sich jetzt von den Leuten, die mich nur aus den letzten Jahren kennen, fragt: “Er war unglaublich nervig?!”, hat mich früher nicht erlebt.

ky: Was meinst Du?

A.M.: Ich musste Interaktionen lernen, musste lernen, Gesichter zu lesen. Ich kann das nicht intuitiv spüren wie Andere, sondern muss versuchen, zu verstehen. Das führte und führt zu manch „lustigen” Interaktionen, wenn ich etwas anders aufgefasst habe, als es gemeint war.

ky: Heißt das, dass Du einfach drauflos „rätst” und dabei auf eine gute Trefferquote hoffst?

A.M.: Ja, ich musste das lernen.

ky: Wie und wo hast Du das alles gelernt?

A.M.: Das war und ist jahrelanges, aktives Lernen. Dazu gehören Integrationsprogramme, Therapie und natürlich ganz viel „Trial and Error“.

ky: Willst Du mal die „Trefferquote” früher und heute vergleichen?

A.M.: Früher 5% und jetzt 75%.

ky: Okay, Hut ab. Das ist schon sehr hoch, würde ich sagen. Ich denke, da hast Du optimistisch geschätzt. Eine solche Zahl wäre sicherlich schon für „Neurotypische“* gut. Jedenfalls denke ich das, denn ich bin auch offizieller „Autist“. Und auch ich habe mir nie genau Gedanken darüber gemacht, ob ich die Welt anders sehe als die Anderen. Zwar war ich oft (zumindest innerlich) verwundert, wenn andere meine Gedanken nicht ganz exakt genauso nachvollziehen konnten wie ich selbst, doch mein „Gefühl“ dazu war immer, dass sich das doch für alle genauso logisch ergeben müsse.

Und wenn Andere anders dachten, dann waren alle Anderen eben „Einzelfälle“. Dass eventuell meine Sichtweise die untypische ist, habe ich nie in Betracht gezogen.

A.M.:  Haben Dich denn auch mal Leute darauf angesprochen, dass Du merkwürdig guckst?

ky: Was meinst Du?

A.M.:  Dass Deine Augen immer hin und her wandern?

ky: Nein, das ist mir tatsächlich nie passiert. Ich habe auch nie die Eigenart gehabt, dass ich anderen Leuten nicht ins Gesicht schauen könnte. Aber ich schaue meinen Gegenübern oft abwechselnd beim Gespräch ins linke und rechte Auge; ich will ja keines benachteiligen.

A.M.:  Für mich war es schon schlimm, Anderen ins Gesicht zu schauen. Hab es aber gelernt, weil mir beigebracht wurde, dass diese dann nämlich glücklicher sind.

ky: Warum war es für Dich schlimm, warum mochtest Du das nicht?

A.M.:  Ich hab damals nicht darüber nachgedacht. Ich wäre einfach nicht auf die Idee gekommen, jemandem beim Sprechen ins Gesicht zu schauen. Ich hatte da gar keinen „Anlass“, weil ich das Gesicht eh nicht interpretieren oder Reaktionen genau erkennen kann.

Aber hier hatte ich mehrere Schulbegleiter*Innen, auch und insbesondere während der Pubertät. Da hatte ich insbesondere einen, der sich um meine „soziale Interaktion” gekümmert hat, 3 Jahre lang. Der hat mir beigebracht, dass solche Dinge im Miteinander wichtig sind. Wie war es denn bei Dir in der Schulzeit?

ky: Ich hatte keine Schulbegleiter. Es war in meiner Jugend auch nie Thema, ob ich Autist bin oder was auch immer. Daher gab es auch keinerlei Begleitung, mal abgesehen davon, dass eine solche in meiner Schulzeit gar nicht vorgesehen war. Ich hab mich nie als irgendwie zu bezeichnen betrachtet.  Was war bei Dir der Grund, warum sich jemand Gedanken um Dich gemacht hat und wie bist Du zu der Diagnose gekommen?

A.M.: Es gab bei mir immer Verhaltensauffälligkeiten. Ich habe zum Beispiel erst mit vier Jahren Sprechen gelernt. Dann habe ich immerzu gestört. Dazu muss frau/man wissen, dass es bei AD(H)S und Autismus oft größere Überschneidungen gibt und auch nicht selten beides zusammen auftritt. Aber insbesondere in der Grundschule war ich eben verhaltensauffälig. Deshalb kam ich dann auch zunächst auf eine Realschule. Viele meiner Mitschüler haben mich dort gemobbt, sodass ich dann ein halbes Jahr in einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche verbracht habe.

Danach gab es zwei Optionen für mich: Entweder Sonderschule oder der Integrationsversuch mit Schulbegleitung. Ich kam auf das Gymnasium und wiederholte die fünfte Klasse. Da zum Schulbeginn noch keine Schulbegleitung zur Verfügung stand, hat sich mein Vater eine Woche lang jeden Tag in der Schule neben mich gesetzt. Die Schule wollte nicht, dass ich alleine bin. Dafür wollte niemand die Verantwortung tragen.

Aber am Ende meiner Schullaufbahn war ich sogar gut integriert und hatte Freunde im Jahrgang. Nach vielen Jahren hatte ich auch etwas Erfahrung mit den mir bekannten Leuten gesammelt, so dass ich Gruppendynamiken und Reaktionen meiner Gegenüber besser einschätzen konnte. Und umgekehrt genauso: Alle wussten mich so zu nehmen, wie ich bin und konnten auch mit mir „umgehen“. Wie war das bei Dir?

ky: Ich war immer (zumindest meiner Wahrnehmung nach) sozial in meine Klassen/Jahrgänge eingebunden. Ich war immer als bester Schüler anerkannt, ohne als „Streber“ bezeichnet worden zu sein. Insofern ist auch die schlimme Erfahrung von Mobbing nie ein Thema bei mir gewesen. Dennoch gehe ich inzwischen selbst davon aus, von mindestens 90% der Gruppendynamiken einfach nichts mitbekommen zu haben (und es war mir auch herzlich egal).

Was Dich aber anbetrifft, ist es doch bemerkenswert, dass Du es von Grundschule über Realschule zum Gymnasium und da bis zum Abitur mit 2er-Schnitt geschafft hast. Auch weil Deine Eltern nie aufgeben haben, für Dich die bestmögliche Unterstützung in der Entwicklung zu ermöglichen.

A.M.: Yup.

Ky: Vielen Dank! Ich denke es wurde klar, dass wir beide nicht unbedingt in die Kategorie „Rainman“ gehören. Weder haben wir eine ausgeprägte Inselbegabung, noch sind wir auf eine Betreuung oder gar Pflege angewiesen. Aber das betrifft nur uns beide, und auch wir sind in vielen Dingen unterschiedlich. Also nur ein winziger Einblick in das gesamte „Autismus-Spektrum“.

*als “neurotypisch” werden die Personen bezeichnet, die in Abgrenzung zum Autismus-Spektrum und anderen Symptomatiken, die mit Veränderungen in der Gehirnstruktur einhergehen, eben “normal” oder pathologisch “unauffällig” sind. Gleichzeitig drückt dieser Begriff meines Erachtens aber auch gut aus, dass das Gegenteil, nämlich “neurountypisch” nicht automatisch als krank oder behindert konnotiert ist.


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