PRIDECESS STELLT VOR: a MARVELous boy

Hallo Marvel! Wie schön, dass wir dieses Interview führen können! Wie geht es Dir? 

Mir geht es super – es freut mich, dass ich die Möglichkeit hierzu bekommen habe! 

Super! Direkt mal die erste Frage: Wann hast Du das erste Mal gemerkt, dass Du anders bist? 

Das erste Mal habe ich das aufgrund von meinem Aussehen in der Grundschule gemerkt.

Wie meinst Du das? 

Na, die anderen Kinder haben negative Bemerkungen gemacht, weil ich asiatische Wurzeln habe. Damals habe ich das Ganze noch nicht wirklich verstanden, heute aber habe ich bemerkt, wie rassistisch die Aussagen teilweise waren. 

Oh, das tut mir sehr leid! Hattest Du Leute, die zu Dir gehalten haben? 

Ja, auf jeden Fall! Ich hatte einen Freundeskreis, in welchem mich die meisten ganz normal behandelt haben. Lediglich ein Kumpel hat über mein Aussehen hergezogen, was ich aber früher als normal angesehen habe. Allgemein habe ich es früher nicht als Hänseln wahrgenommen. Ich würde aber sagen, dass es relativ oft auftritt, dass Kinder sich gegenseitig ausschließen, wenn sie anders aussehen oder handeln. 

Das ist wohl wahr! Gab es denn noch andere Sachen, die Dich anders gemacht haben? 

Hm … vielleicht noch, dass ich der einzige Junge war, der Fußballspielen nicht mochte (lacht). Das Ganze hat mich nicht wirklich interessiert, ich habe dann lieber bei den Mädchen mitgespielt. Trotzdem war ich eigentlich nie ein Außenseiter, ich hatte genug Freunde. 

Wie sind denn Deine Eltern damit umgegangen? Haben sie sich gegen diese Bemerkungen eingesetzt? 

Ich habe ihnen Vieles gar nicht mitgeteilt. Typischerweise habe ich Dinge eher für mich behalten. 

Hat Deine Familie denn ähnliche Erfahrungen? 

Sie haben andere Erfahrungen, würde ich sagen. Schließlich sind sie niederländisch und haben keine asiatischen Wurzeln.

Deine Eltern haben keine asiatischen Wurzeln? 

Ich wurde von meinen Eltern adoptiert. Das Ganze passierte direkt nach meiner Geburt, weil meine leibliche Mutter sich nicht um mich kümmern konnte. Ich weiß gar nicht, wie genau es kam, aber meine leibliche Mutter ist nach Deutschland geflogen und hat mich hier zur Adoption frei gegeben. Vielleicht hatte sie ja hier schon Verwandte oder sowas. 

Weißt Du etwas über Deine leibliche Mutter oder hattet ihr sogar schon einmal vielleicht Kontakt? 

Nein, Kontakt gab es zwischen uns nie. Das Einzige, was ich von ihr habe, sind ein paar Geschenke, die meinen Eltern mitgegeben wurden. Das waren aber eher Kuscheltiere und Kindersachen.

Oh ok, das ist schade! Jetzt bin ich aber schon ein wenig neugierig was Deine Eltern angeht! Erzähl mal was von ihnen!

Also meine Eltern sind in den Niederlanden großgeworden und haben als junge Erwachsene auch dort studiert. Nach dem Studium sind sie dann aus beruflichen Gründen nach Deutschland gekommen.

Das klingt cool! Hatten sie Verwandte in Deutschland? 

Tatsächlich nicht, allgemein hatten sie keinen wirklichen Bezug zu Deutschland. Mein Vater hat aber eine Stelle in Hamburg bekommen und so ist das Ganze ins Rollen gekommen! Meine Eltern sind dann erstmal nach Itzehoe gezogen und später dann nach Kremperheide. Mich haben sie dann ja relativ knapp nach meiner Geburt adoptiert, mein Bruder kam dann circa 2 1/2 Jahre später nach! 

Du hast einen Bruder? 

Jup, er heißt Lion und ist auch adoptiert! 

Wie cool, da seid ihr ja eine richtig bunte Familie! War die Adoption ein großes Thema in eurer Familie? 

Anfangs nicht wirklich, später dann schon mehr. Als ich in die weiterführende Schule ging, haben so langsam die Gespräche über die Adoption angefangen, aber da haben wir noch nicht über die ganze Wahrheit geredet… 

Oh, was gab es denn, was Du nicht wusstest? 

Vor einem halben Jahr hab‘ ich mehr über die ganze Geschichte erfahren. Es ging dann vor allem über die Beweggründe meiner leiblichen Mutter, wodurch ich sie dann auch endlich besser verstehen konnte und weniger Abneigung verspürt habe. Ich würde nicht sagen, dass ich sie jemals gehasst habe, weil Hass einfach ein so großes Wort ist, aber im Endeffekt war ich schon sehr wütend auf sie. Letztendlich habe ich aber meinen Frieden damit gefunden. Ich finde es wirklich gut, jetzt alles zu wissen, da ich Vieles vorher nicht verstanden habe. 

Puh, das ist ja ein ganz schön großer Brocken! Findest Du, dass Deine Eltern alles gut gehandhabt haben?

Ich finde schon! Als kleines Kind hätte ich das Ganze überhaupt nicht verstanden, also war der Zeitpunkt ganz gut gewählt. Natürlich wollte ich vorher es auch schon immer wissen und wurde immer ungeduldiger, aber im Endeffekt war es so am besten! 

Ich finde es wirklich schön, dass Ihr als Familie so gut mit dem Thema umgegangen seid! Hatte die Adoption je einen großen Effekt auf Euch?

Meine Eltern waren immer meine echten Eltern, nie etwas anderes! Ich finde, Familie wird nicht durch Blut bestimmt, sondern durch liebevollen Umgang und Beziehungen, die man formt und pflegt. Den Familienstatus muss man sich erstmal verdienen!

Und findest Du, Ihr habt das erreicht? 

Ja sicher! Es gab nie Probleme, weil meine Eltern nicht meine leiblichen Eltern waren und somit auch keine asiatischen Wurzeln hatten. Auch mein Bruder, der deutsche Wurzeln hat, war immer einfach mein Bruder. Ich würde sogar sagen, dass ich auch eine Art Vorbild bin, wie es ein großer Bruder nun mal ist. In der Gesellschaft war es natürlich nicht immer so leicht, weil wir aus der Masse rausstechen. Trotzdem haben meine Eltern mich nie behandelt, als wäre ich anders. 

Gab es denn doofe Bemerkungen, aufgrund dessen, dass Du die einzige Person in der Familie warst, die nicht typisch „deutsch“ aussah? 

Wir wurden als Familie schon relativ akzeptiert, aber es gab haufenweise Fragen, weil meine Eltern halt anders aussehen als ich. Ich habe mich aber nicht so gefühlt, als wenn uns abgesprochen werden würde, dass wir eine Familie sind. Die Fragen kamen eher aus Neugier als aus Ignoranz. 

Wie bist Du denn damit umgegangen, dass Dir immer gesagt wurde, Du seist anders? 

Ich weiß gar nicht, ob ich auf eine bestimmte Weise damit umgegangen bin. Da ich mein Leben nur mit meinen Eltern kannte, war das Familienleben auch ein ganz normales. Manchmal musste ich halt Freundinnen und Freunden ein bisschen erklären, wie unsere Familie entstanden ist. Allgemein war ich aber immer in guten und toleranten Kreisen, somit warf das Ganze nie ein großes Fragezeichen auf. 

Wie sieht es denn heutzutage bei Dir und Deiner Familie so aus?

Meine Eltern sind extrem supportive. Ich hatte auch schon immer das Privileg, Eltern zu haben, die finanziell gut abgesichert waren. Hobbies konnte und kann ich dadurch immer ausprobieren und ausüben. Damals mit 6 Jahren habe ich angefangen, Geige zu spielen, was ich heute immer noch gerne mache! Auch, was das Thema Sexualität angeht, waren meine Eltern sehr unterstützend!

Das ist wirklich schön zu hören! Inwiefern hat denn das Thema Sexualität eine Rolle in Deinem Leben gespielt? 

In der Pubertät habe ich gemerkt, dass ich Jungs mag. Einmal in der sechsten Klasse hatte ich sogar einen Crush auf einen Jungen, was aber normal für mich war, da meine Eltern mir nie etwas anderes beigebracht haben. Ein Klassenkamerad meinte dann, es wäre lustig, wenn ich schwul wäre. Da haben Unsicherheiten angefangen. Eigentlich dachte ich, es wäre normal und auf einmal war es das nicht mehr. Später habe ich mich dann mehr damit beschäftigt wegen einer Freundin, die immer offen bisexuell gelebt hat. 

Uh, wer war denn diese Freundin? 

Tatsächlich Lilly aus Eurem Verein! (lacht) 

Zufälle gibt‘s! Wie hat sie Dich denn beeinflusst? 

Durch ihre Offenheit bin ich mit dem Thema wieder in Berührung gekommen. Sie hatte keine Scheu, anders zu sein!

Als ich in der achten Klasse für mich selber einige Dinge geklärt habe, habe ich mit meinen Eltern einfach normal darüber geredet. Ein großes Outing gab es eigentlich gar nicht, da es bei meinen Eltern in keiner Weise ein Problem war.

Echt toll, dass sie Dich immer so akzeptiert haben, wie Du bist! Hast Du dann auch schon direkt angefangen, Dein Anderssein frei auszuleben? 

Na, beim Thema Aussehen und Herkunft konnte ich mich ja nicht entscheiden, es auszuleben; schließlich hab‘ ich meine indonesischen Wurzeln, egal ob es ich möchte oder nicht. Ich würde aber trotzdem sagen, dass ich nach meinem Outing nicht nur meine Sexualität, sondern auch meine Herkunft mehr akzeptiert und frei ausgelebt habe! Diese Zeit war für mich irgendwie ein Knackpunkt! Ich habe realisiert, dass die Menschen um einen rum einen immer negativ bewerten werden, somit kann man es keinem rechtmachen. So hatte ich auch nicht mehr das Bedürfnis, mich für Andere zu ändern. Wenn ich etwas änderte, war es für mich selbst.

Mein Freundeskreis hat mir einiges erleichtert, ich habe mich immer wohlgefühlt mit meinem Anderssein. 

Ich habe sogar einen festen Freund, inzwischen sogar seit fast einem Jahr! 

Unterstützung war somit immer etwas, was ich von meinem Umfeld erwarten konnte, wofür ich unendlich dankbar bin! 

Das macht mich richtig froh! Ein so tolles Umfeld zu haben, ermöglicht einem echt viel! Toi toi toi, da kann ich nur sagen, dass hoffentlich alles weiterhin so gut geht! Viel Glück und Freude, was Deine Beziehung, Dein Hobby und Deine Familie angeht! 

Da bin ich zuversichtlich! Danke für die Gelegenheit, hier ein Interview zu führen!


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