Pridecess sagt: Happy Birthday, Simon!!!

Hallo Simon, zuallererst einmal: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem 17. Geburtstag!


Vielen Dank, Du Herzallerliebste.


Was machst Du denn heute Schönes?


Ich bekomme heute meinen zweiten Shot.


Shot?


Meine zweite Impfung steht heute an.

Na, wenn das nicht ein schönes Geburtstagsgeschenk ist!


Ich sage Dir, es ist der schönste Geburtstag meines Lebens.

Und weshalb?


Ich halte einen Mietvertrag in meinen Händen und werde am ersten Juli ausziehen!


Du bist 17 Jahre und willst schon Zuhause ausziehen?


Von ,wollen’ kann keine Rede sein – ich muss. Für mich, meine Gesundheit und vor allem für mein Seelenheil.

Das klingt gar nicht gut. Möchtest Du das vielleicht den Leserinnen und Lesern einmal erklären?


Wenn ich ein bisschen ausholen darf, gerne.


Du hast alle Zeit der Welt. 


Mein ,Anders’ beginnt mit einem schlimmen Schicksalsschlag für mich. Meine Mutter war eine alleinerziehende Mutter, weil meine Eltern sich schon früh getrennt hatten. Meine Mutter bekam dann Krebs und auch wenn es zuerst so schien, als ob sie gesund werden könnte, verschlimmerte sich ihr Zustand immer mehr. In ihren letzten Monaten vereinbarte sie mit dem Jugendamt, dass meine Schwester und ich bei ihrem besten Freund, unserem Patenonkel, zusammen groß werden sollten. Meine Mutter starb, als ich 10 Jahre alt war. Es war so grausam, gefühlt von einem Tag auf den nächsten ohne Eltern dazustehen. Mein Vater hatte sich zwar rührend in ihren letzten Wochen um sie gekümmert, aber ich selbst hatte ja keinen richtigen Bezug zu ihm. Bei meinem Patenonkel lebte ich mich dann trotz meines großen Kummers schnell ein. Er erleichterte es uns beiden vor allem dadurch sehr, dass er in das Haus meiner Mama zog, wodurch wir im gewohnten Umfeld bleiben durften. Ich war ja nun auch schon auf die weiterführende Schule gewechselt und so begann für mich mit 10 Jahren mein erster gravierender neuer Lebensabschnitt.


Puh, da muss ich ja erst einmal schlucken. Da hast Du ja schon als kleiner Junge viel Leid erfahren.


Wenn es mal dabei geblieben wäre. Meine Schwester ist fast dreieinhalb Jahre älter als ich und zu dem Todeszeitpunkt meiner Mutter schon voll in der Pubertät angekommen. Während ich ein gutes Verhältnis mit meinem Patenonkel hatte, wollte meine Schwester auf einmal unbedingt zu unserem Vater ziehen. Für mich kam das wie aus heiterem Himmel und das aller Schlimmste war, dass mein Vater nun wollte, dass auch ich zu ihm ziehe. Es gab ein großes Hin und Her mit dem Jugendamt – ob, wie, warum – und letztendlich musste ich bei ihm einziehen. Damit das Ganze nicht noch traumatisierender werden sollte, bekamen wir eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt an unsere Seite gestellt. Aber dennoch war von da an nichts mehr so, wie es früher war. Ich kann ernsthaft behaupten, dass das das Ende meiner Kindheit bedeutete. Allein die Verantwortung, die ich tragen musste, um mein tägliches Leben zu organisieren, ging weit darüber hinaus, was man einem Kind zumuten sollte. Obwohl mich meine Stiefmutter zu Beginn noch zum Bahnhof fuhr, hieß es schon wenig später, dass ich mich um alles selbst kümmern musste. Ich musste morgens aufstehen, mir Brote schmieren, meinen Schulweg von über einer Stunde allein organisieren; das hieß Fahrradfahren, Bahnfahren, Busfahren und Laufen. Dann hatte ich Schule – der Rückweg gestaltete sich genauso. Das Alles galt natürlich auch für meine Schwester. Nach der Schule durfte ich mir maximal Stullen machen. Kochen oder Backen war mir verboten. Und alles, was meine schulrelevanten Sachen angeht, musste ich ganz alleine machen; Unterstützung gab es keine. Dafür durfte ich dann wenigstens immer ganz früh ins Bett gehen. (Simon lacht spöttisch)


Das klingt ja bitter. Auf der einen Seite hast Du in Deinen jungen Jahren schon so viel Verantwortung zugemutet bekommen, auf der anderen Seite wurde Dir nichts erlaubt. Sehe ich das richtig?


Das war ja nicht das Einzige, bei dem ich in meiner Freiheit eingeschränkt war. Ich durfte mich nicht mehr mit Freunden treffen, wann ich es wollte – es sei denn, mein Vater hatte gute Laune – die ließ sich aber selten blicken. Und finanziell bekam ich Taschengeld. Allerdings reichte das nicht aus, da ich alles damit selbst bezahlen musste. Dazu gehören sämtliche Klamotten, sämtliche Freizeitaktivitäten, die meisten Dinge für die Schule und als ich dann 50 Euro Taschengeld bekam, musste ich auch meine Schuhe davon bezahlen. Dass das vorne und hinten nicht ausreicht, kannst Du Dir ja selber vorstellen. Damit ich das Ganze überhaupt bewerkstelligen konnte, habe ich als Schülerjob Zeitungen ausgetragen und ansonsten war ich geizig wie eine Nuss.


Also war Dein Vater weder großzügig noch oft gut gelaunt, sehe ich das richtig?


Weißt Du, ich glaube mein Vater liebt meine Schwester und mich wirklich, aber es gibt da halt auch diesen einen Spruch. ,Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.’ Die Erziehungsmethoden meines Vaters meiner Schwester und mir gegenüber bestanden aus Rumschubsen, Anbrüllen und Verbote-Aussprechen.

Gab es gar nichts Liebevolles?


Weißt Du, ich kann mich nur an ganz wenig nette oder liebevolle Momente überhaupt erinnern. Und die möchte ich nach meinem Auszug auch in meinem Herzen bewahren. Ich habe meinem Vater vorgeschlagen, mit mir jetzt auch mal eine Familientherapie anzufangen. Ich hoffe, dass er es tut.


Wie hat denn Dein Patenonkel auf das Alles reagiert?


Ich habe mit ihm bis heute einen guten Kontakt. Er unterstützt mich, wo er kann.


Wie war denn das Verhältnis zwischen Dir und Deiner Stiefmutter?


Meine Stiefmutter hat es geschafft, mit ihrem eigenen Sohn keinen richtigen Kontakt zu haben – mehr muss ich, glaube ich, dazu nicht sagen.

Das heißt, für Dich ist der Auszug ein richtiger Befreiungsschlag. Aber auch wieder gehst Du einen Weg, den man in so jungen Jahren nicht gehen müssen sollte. Wer unterstützt Dich denn jetzt?


Ich bin zum Jugendamt gegangen und habe meine Situation geschildert. 

Also das Jugendamt kümmert sich jetzt um Dich? 


Nein, so habe ich das nicht gemeint. Die kannten meine Situation, weil ich schon im letzten Jahr ausziehen wollte. Damit das Ganze zuhause nicht noch mehr eskaliert, hat das Jugendamt Gespräche mit meinem Vater geführt. Und da sich nun selbst meine Schulnoten eklatant verschlechtert hatten, weil ich nicht mehr schlafen konnte, hat das Jugendamt das ,Go’ gegeben und mit meinem Vater geredet, der dann jetzt letztendlich den Mietvertrag unterschrieben hat, wofür ich ihm unendlich dankbar bin.

Kann ich mir denn erlauben, jetzt zu sagen: ,Ende gut, alles gut’ ?

Mal sehen… Ich selber – für mich – mache jetzt auch Therapie, um meine Sorgen und Probleme aus all den vergangenen Jahren aufarbeiten zu können. Und ich rate Euch Leser*innen, das auch zu tun, wenn Ihr es braucht – es ist keine Schande. Schließlich geht man mit einem gebrochenen Bein auch zur Ärztin.

Wow, Du bist ja wirklich sehr reif für Dein Alter. Und ja, es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Wie sieht denn jetzt für Dich die Zukunft aus?

Ich sag mir jedes Mal: Erstmal Abi machen – und dann sehen wir weiter!

Du hast uns einen sehr tiefen Einblick in Dein Leben gewährt und dafür danke ich Dir von Herzen! Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute nach der Aufarbeitung Eurer Vergangenheit. Und Dir nochmals: Alles Gute für Deinen Neustart! Und ein gutes Abi 😉


2 thoughts on “Pridecess sagt: Happy Birthday, Simon!!!

  1. Hallo Simon,
    deine Geschichte empfand ich als sehr offen und ehrlich geschrieben, jedoch hat das Leben viele Fassetten und es gibt viele Betrachtungswinkel, von einigen möchte ich Dir als Vater berichten.
    Das Du nicht mehr Täglich zum Bahnhof gebracht worden bist liegt an der Tatsache das Anja eine neue Stelle angetreten hat und dann im Schichtdienst tätig war. Was das Kochen und Backen angeht so bestand das Verbot nur dann, wenn Du allein daheim warst. Dein Mittagessen war immer gekocht oder vorbereitet. Und Du selber hast dich oft in der Küche mit leckeren Kuchen, Plätzchen usw. ausprobiert.
    Sehr oft haben wir über das Thema Schule gesprochen, wie es läuft, was Dich bewegt.
    Deine Freiheit war nicht eingeschränkt, wie oft haben wir Dich zu Feiern, Geburtstagen, Übernachtungspartys, Verabschiedungspartys, Spieleabende, Freizeitparks, Freunde Treffen ( Hohenaspe, Wacken etc ) gefahren und wieder abgeholt.
    Deine Shoppingtouren ( Hamburg, Elmshorn, Itzehoe ) haben wir bezahlt – Ja nachdem Deine Markenaffinität sich seigte Budgetiert, alle Dinge für die Schule wurden natürlich durch uns finanziert.
    Ich denke und Du hast es ja auch bestätigt das sich unsere Streitkultur in den letzten 3 Jahren sehr geändert hat.
    Deine Ma beschrieb Dich mal wie folgt: „Wenn Simon der Meinung ist das Bananen blau sind, dann sind Sie für Ihn blau , selbst dann wenn er gelbe im Supermarkt sieht“ und dies ist ein Punkt der sich manchmal auch heute noch zeigt.
    Gerne nehme ich deinen Vorschlag der Familientherapie an und wünsche Dir alles Liebe und Gute für Deinen weiteren Lebensweg.
    LG
    Pa

    1. Hallo Papa,
      Es freut mich, dass Du genauso wie ich eine Familientherapie ansteuern möchtest, in der unsere beiden Sichtweisen professionell beleuchtet werden.
      LG Simon

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