Von Drachen und Zauberstäben

M: “Ihr betretet das Gasthaus, in dem nur wenigen Menschen Platz genommen haben. Es riecht nach Tabak, Ofenfeuer und einer fleischhaltigen Suppe, die ihr in der Küche vermutet. Der Wirt, ein dickbäuchig untersetzter Mann mit Zwirbelbart und viel zu wenigen Haaren auf dem Kopf schaut Euch verschmitzt mit seinen listigen Augen an. Er putzt einen Krug mit einem Handtuch, das so viele Flecken hat, dass Ihr Euch nicht sicher seid, ob der Krug wirklich sauberer wird.”

S1: “Ich verbeuge mich leicht und ziehe in einer leicht übertriebenen Geste meinen Hut: ‘Seid gegrüßt, werter Wirt. Seid so nett und bietet uns Zuflucht in dieser stürmischen Nacht. Wir begehren ein heißes Mahl…'”

S2: ‘…eine Stätte zum Schlafen’

S3: ‘…und Met!’

S1: ‘Verzeiht bitte die unhöfliche Direktheit meiner Weggefährten. Könntet Ihr bitte nach unserer Pferden schicken?’

M: “Ohne, dass sich Bart oder Mund zu bewegen scheinen, raunt Euch der Wirt eine Antwort entgegen.”

S2: “Was sagt er denn?”

M: “Er spricht sehr leise und nuschelt: Mach mal ne Wahrnehmungsprobe +5…”

Herzlich Willkommen in der wunderbaren Welt der Rollenspiele!

Rollenspiele – im Englischen auch Role Playing Games genannt und damit RPG abgekürzt – gibt es in vielen verschiedenen Formen. Vom Computerspiel-Genre bis hin zur Anreicherung des Liebeslebens – immer wieder schlüpfen wir in andere Rollen und geben uns als andere Personen und Wesen aus. Die obige Szene könnte so oder so ähnlich einer Szene aus einem Pen-and-Paper-Rollenspiel stammen.

Pen-and-Paper

Beim Pen-and-Paper trifft sich eine Gruppe von Spielerinnen und Spielern und erlebt gemeinsam Abenteuer in einer Fantasiewelt. Eine Person leitet die Session und ist der Meister oder die Meisterin, die anderen Spieler*innen schlüpfen in die Rolle ihrer Charaktere und handeln fortan als Helden! Dabei beschreiben die Spieler*innen, was ihre Charaktere machen und benutzen die wörtliche Rede wenn es zu Gesprächen kommt. Die Meister*in bestimmt die Szenerie und schlüpft in alle Rollen der Nicht-Spieler-Charaktere (NSC).

Damit alles nicht allzu wild wird, gibt es Regelbücher, die sowohl die Welt an sich beschreiben, als auch die Regeln festlegen, nach denen gespielt wird. Fähigkeiten und Eigenschaften werden auf Zahlenwerte runtergebrochen und es gibt ein Würfelsystem, damit man überprüfen kann, ob einem in der jeweiligen Situation das gelingt, was man gerade machen will. Die Meister*in bestimmt dabei den Schwierigkeitsgrad durch Aufschläge und Abzüge bei der Talentprobe. Da die Talente unterschiedlich verteilt sind, hat jeder Held und jede Heldin einen eigenen Charakterbogen mit den eigenen Fertigkeiten und Eigenschaften und kann diese (ebenfalls regelbasiert) mit der Zeit nach und nach verbessern.

Und somit ist alles, was gebraucht wird um sich völlig neue Welten zu erschließen, ein Stift und Papier…

Ich selbst habe in meiner Jugend zwei Rollenspiele regelmäßig mit meinen Freunden gespielt: DSA und Shadowrun.

DSA steht für “Das schwarze Auge” und ist ein in der klassischen Fantasy-Welt angesiedeltes Rollenspiel aus Deutschland. Fantasywelt heißt, dass es neben Menschen auch Elfen, Orks und Zwerge gibt. Drachen müssen bekämpft werden und dafür stehen Schwert, Bogen und Magie zur Verfügung. Wir sind also in der Welt der High-Fantasy wie wir sie auch aus “Herr Der Ringe”, “Game of Thrones” oder “Rad der Zeit” kennen. Ein anderes – amerikanisches – Regelwerk, dass ebenfalls die Fantasywelt bedient, wäre D’n’D (Dungeons and Dragons) bzw. AD’n’D (Advanced Dungeons and Dragons).

Shadowrun hingegen ist ein Cyberpunk-Rollenspiel. Hier spielt die Geschichte in der Zukunft – in einer durchaus dystopischen Zukunft. Zwar sind auch hier die Magie und Fabelwesen (Drachen, Elfen, Orks, Troll, Zwerge etc…) auf die Welt zurückgekommen, aber die Technik hat sich soweit entwickelt, dass man sich Cybergliedmaßen einbauen lassen kann und das Internet nur noch ein VR-Raum ist. Die Konzerne haben faktisch die Kontrolle übernommen und die Staaten sind kaum noch handlungsfähig. Man selbst schlüpft in die Rollen eines “Shadowrunners”, jemand, der sich in den Schatten bewegt und Dinge tut, die eher nicht so ganz legal sind – falls es denn noch ein funktionierendes Rechtssystem gäbe. Zum Beispiel bricht man im Auftrag des einen Konzerns bei einem anderen Konzern ein und klaut Informationen. Hierzu wäre eine Alternative das Rollenspiel “Cyberpunk”, das zugleich das ganze Genre geprägt hat und kürzlich mit viel Aufsehen und Keanu Reeves als Computerspiel umgesetzt wurde.

Natürlich gibt es auch viele andere Rollenspielsysteme und so kann man auch in Vampir-Gothic-Welten eintauchen, dem Ruf von Cthulhu folgen oder was auch immer…

Pen and Paper macht einfach Spaß und bietet einem zugleich die Möglichkeit, sein Nerdtum vollkommen auszuschöpfen. Man kann darüber diskutieren, nachdenken und auch streiten, wie realistisch ein Setting ist, ob eine Welt in sich konsistent ist, wie welche Regel anzuwenden ist oder einfach in eine Heldenrolle schlüpfen und dabei den Alltag hinter sich lassen. Und auch wenn es persönlich vor Ort am meisten Spaß macht, kann man sich auch online treffen und spielen – schnappt Euch einfach ein paar Freunde und probiert es aus!

LARP

Was online nicht so gut klappt, ist, wenn man tatsächlich in seine Rolle schlüpfen will. Hier kommt die wunderbare Welt der “Live Action Rollenspiele” – auch LARP genannt. Ich verkleide mich als der Held, der ich sein will, treffe mich mit anderen und begegne ihnen dann in meiner Rolle. Der Schwertmeister Leondrick trifft dann die Magierin Antaria – sie sprechen sich so an, wie es der Rolle gebührt und haben auch die Möglichkeit, Dinge zu tun (wie z.B. Zauber zu wirken). Denn Die Begegnung findet auch wieder regelbasiert statt, auch wenn diese Regeln stark vereinfacht sind. Gewisse Dinge werden aber auch durch die eigenen Fertigkeiten repräsentiert wie z.B. der Schwertkampf.

Hierfür gibt es spezielle LARP-Waffen, die in der Regel einen mit Schaumstoff überzogenen harten Kern haben. Der Schaumstoff wird dann mit Latex überzogen, wodurch optisch recht hübsch anmutende Waffen entstehen, mit denen man sich dann ins Duell stürzen kann. In der Serie Hawkeye gibt es dazu eine recht lustige Szene…

Der große Unterschied zwischen LARP und Cosplay ist dabei, dass nicht Charaktere dargestellt werden, dies es als Figuren in Geschichten schon gibt, sondern dass selbsterdachte Charaktere dargestellt werden, die in einer beschrieben Welt existieren. Darüber hinaus wird beim LARP tatsächlich regelbasiert eine Abenteuer gespielt und nicht sich nur präsentiert.

Ich selbst habe auf einer (war es die erste?) DSA-Con (Con = Convention = Zusammenkunft) mitgemacht. Dafür habe ich mir ein Latexschwert gebaut, Mittelalter-Klamotten besorgt und Schwertkampf geübt. Hat viel Spaß gemacht und für einen sehr lustigen Dialog gesorgt: “Und, was bist Du im Reallife?” “Auch Druide!” – Jeder hat seine Berufung!

Ich hoffe, Euch hat mein kleiner Einblick in die Welt der Rollenspiele gefallen und vielleicht probiert Ihr es ja einfach mal aus.

cK

Beitragsbild: Foto von Maria Pop von Pexels


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