MEINUNG HAT EIN GESICHT – MEINUNGSMITTWOCH: Caro‘s Stellungnahme zum Meinungsbeitrag vom 14.04.2021

Ich benutze die Label „aromantisch“ und „asexuell“ für mich – sie sind mir eine große Hilfe. 

Als ich diese Label noch nicht hatte, habe ich mich oft falsch gefühlt, so als ob irgendetwas mit mir nicht stimmt. Das erste Mal in Bezug auf meine sexuelle und romantische Anziehung kam dieses Gefühl auf, als ich und meine Klassenkamerad*innen in die Pubertät kamen. In diesem Alter haben plötzlich alle ihre Sexualität entdeckt und angefangen, entsprechende Witze zu machen. Erste Pärchen bildeten sich und in den Pausen wurde darüber geredet, wer auf wen steht. Das schien für alle eine ganz natürliche Entwicklung zu sein, nur ich habe nach den Sommerferien zwischen der sechsten und siebten Klasse die Welt nicht mehr verstanden. Wo waren die Leute hin, die vor den Ferien noch mit mir Buden in den Büschen gebaut und selbstverständlich mit Jungen und Mädchen gleichermaßen gespielt hatten? Doch ich redete mir ein, dass diese Entwicklung bei mir schon noch käme und ich eben einfach Spätzünderin sei. Aufgrund meines später diagnostizierten ADS war es auch nicht das erste Mal, dass ich mich anders entwickelte als Gleichaltrige und Gruppendynamiken irgendwie nicht so richtig verstand. Doch romantische Beziehungen und Sex wurden mit der Zeit immer wichtiger, dominierten den Tratsch und ließen mich immer mehr wie eine Außenseiterin fühlen. 

Ab der neunten Klasse wurde ich unruhig. Wieso tat sich bei mir da nichts? Ich war noch nie verliebt gewesen und spürte auch kein verlangen nach sexuellen Handlungen. Also fing ich an, meine Mitschüler*innen auszuhorchen. Wie fühlt sich das an, verliebt zu sein? Merkt man das auf jeden Fall? Doch leider war die Antwort „Ja, man kriegt das schon mit“, was meine Hoffnung zerstörte, einfach unbemerkt verliebt gewesen zu sein. 

Mit 16 fing ich schließlich an, mich mit queeren Identitäten auseinanderzusetzen. War ich vielleicht lesbisch? Oder pansexuell? Ich stieß auch auf das Wort „asexuell“, dachte aber immer noch, die sexuelle Anziehung käme schon noch. Bis nach einer Aus-Versehen-Beinahe-Beziehung ein Freund mich fragte, ob ich schonmal was von Asexualität gehört hätte. Ab da fing ich an, zu dem Thema zu recherchieren, stieß auf AVEN (Netzwerk für asexuelle Sichtbarkeit und Bildung) und AktivistA (Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums) und lernte online jede Menge toller Menschen kennen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. 

Ich labelte mich schnell auch als aromantisch und fing an, mich vor einzelnen nahestehenden Menschen zu outen, was viele Gespräche sehr vereinfacht und mir unangenehme Fragen nach meinem Beziehungsstatus erspart. Nicht alle Reaktionen waren so, wie ich es mir gewünscht hätte, doch insgesamt bin ich froh, dass ich heute zu meiner sexuellen und romantischen Orientierung stehen kann. Meine Label gehören zu mir – nicht in erster Linie für andere Menschen, sondern für mich selbst. Labeln betrachte ich also im Gegensatz zum Meinungsbeitrag am 14.04.2021 also als besonders wichtig für mich, damit ich weiß, dass mit mir alles in Ordnung ist; Labeln hat mir geholfen, zu verstehen, dass es andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht und dass das nun einmal einfach ich bin – und genau so bin ich richtig!

– Caro


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